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Bücher, Schautafeln und künstliche Gelenke

Orthopädisches Geschichts- und Forschungsmuseum wiedereröffnet / Drittes Reich wird komplett ausgeklammert

Von Matthias Thieme

In den Räumen der Orthopädischen Universität Friedrichsheim wurde das Geschichts- und Forschungsmuseum wiedereröffnet. Die Zeit des Nationalsozialismus erwähnten die Wissenschaftler mit keinem Wort.

Mit einem Symposium feierte die Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim die Wiedereröffnung des deutschen Orthopädischen Geschichts- und Forschungsmuseums in Frankfurt. Auf 170 Quadratmetern soll das Museum einen Überblick über die Geschichte der Orthopädie vermitteln und "dem Erhalt und der Entwicklung von Meilensteinen in der Darstellung unseres Fachgebiets dienen", so der ärztliche Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik, Ludwig Zichner.

Die "Stiftung Friedrichsheim", die "Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie (DGOT)" sowie diverse Sponsoren finanzierten den Museumsbau in den Räumen der Orthopädischen Universitätsklinik mit insgesamt 340 000 Mark. Ausgestellt werden medizinische Geräte, Prothesen, künstliche Gelenke und Knochenpräparate. Eine Bibliothek mit 3000 Bänden zur Geschichte der Orthopädie in Deutschland ist die "umfassendste öffentlich zugängliche Sammlung" dieser Art und soll demnächst auf CD-ROM katalogisiert werden. Auf Schautafeln werden die Museumsbesucher über die technischen Möglichkeiten und die Geschichte des Fachs informiert.

Gegründet wurde das Geschichts- und Forschungsmuseum 1959 in Würzburg von Georg Hohmann, dem späteren Leiter der Frankfurter Orthopädie. 1995 wurde die Sammlung aus Platzgründen nach Frankfurt verlegt. Jetzt kann sie von Wissenschaftlern und Laien täglich von 8 bis 15.30 Uhr besichtigt werden.

Anläßlich der Eröffnung referierten Wissenschaftler aus Deutschland, Holland und der Schweiz zum Thema "Orthopädie - ein Fach mit Geschichte und Zukunft". Die Geschichte der Orthopädie während des Dritten Reiches wurde dabei völlig ausgeblendet. Auch im Museum findet sich kein einziger Hinweis auf die Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten. Lediglich auf die "erzwungene Emigration" des jüdischen Orthopäden Bruno Valentin wird in einem Randvermerk hingewiesen. "Was zwischen 33 und 45 stattgefunden hat, kann ich beim besten Willen nicht sagen", so Michael Rauschmann, Assistenzarzt und Mitentwickler des Museumskonzepts, "das ist für mich ein weißes Blatt".

Das Museum habe "bestimmt Lücken", aber man habe den Schwerpunkt auf die technische Entwicklung legen wollen. Über das "Krüppelheim" Friedrichsheim, von dem die Orthopädische Universitätsklinik ihren Namen hat, sei nur bekannt, daß es während des Krieges nach Gettenbach bei Büdingen in Oberhessen verlegt wurde. Über den damaligen Leiter Georg Hohmann wisse man, daß er das Heim "in den Kriegswirren unter schwierigsten Umständen" leitete. Hohmanns Oberarzt Wilhelm Thomsen sei allerdings eine "zwielichtige Figur" gewesen und habe als NSDAP-Mitglied auch Wissenschaftliche Aufsätze über die "Marschfähigkeit von Soldaten" geschrieben. Eine Doktorarbeit über Thomsen sei derzeit in Arbeit.

Für Udo Sierck, Publizist zum Thema Euthanasie, ist es "ein Skandal" , ein Museum der Geschichte und Forschung wiederzueröffnen, "ohne auf die Zeit des Nationalsozialismus einzugehen". Die "Deutsche Vereinigung für Krüppelvorsorge" habe sich mit der nationalsozialistischen Arbeit identifiziert, die "Notwendigkeit der Selektion" proklamiert und Schwerbehinderte als "unwertes Leben" betrachtet.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 1998
Dokument erstellt am 07.06.1998 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 08.06.1998

 

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